Memoire Projects

Zugänge zu 1968

Auf die Leserinnen und Leser unserer Beiträge, die sich mit einem wissenschaftlichen Interesse unsere Seite anschauen, mag es unangenehm wirken, wenn wir hier auch etwas zu den subjektiven und mitunter persönlichen Zugängen zu den Themen Biografie und Zeitgeschichte schreiben. Dieser Vorbehalt gegen die eher persönlichen Seiten hat gute Gründe. Wissenschaft will – und muss das sogar – Distanz schaffen zu den Gegenständen, die von Interesse sind; und persönliche Befangenheit steht dem eher im Wege und muss mithin als ein Problem, und nicht ungeprüft als der Zugang zur Sache behandelt werden. Was jedoch die Biografik betrifft, ist es noch einmal anders zu bewerten. Wenn man sich – wie wir es tun – weniger mit historisch weit zurückliegenden Epochen als vielmehr mit solchen zeitgeschichtlichen Kontexten beschäftigt, die noch nicht einmal ein Menschenleben zurückliegen und, auch wenn wir selbst sie nicht mehr erlebt haben, eben dennoch Teil der „lebendigen Erinnerung“ sind, dann hat man es eben auch mit ganz realen Menschen zu tun. Und für uns als diejenigen, die mit ihnen über ihre Erinnerungen sprechen möchten, bedeutet das auch, dass wir prinzipiell eine gewisse Bereitschaft dazu aufzubringen haben, auch etwas über unsere mitunter ganz persönlichen Motive und Interessen zu sagen. Schließlich sind wir keine Psychotherapeuten, die aus eventuell nachvollziehbaren Gründen und um dem Gesprächssetting einen professionellen Rahmen zu geben – um „Übertragung“ und „Gegenübertragung“, wie es in deren Sprache vielleicht heißt, Einhalt zu gebieten –, jegliche Form der Selbstthematisierung unterbinden. Bei uns spielt das (glücklicherweise) eine äußerst geringe Rolle. Zwar finden wir die Lebensgeschichten der Menschen, mit denen wir sprechen möchten, interessanter als unsere eigene „Zeitzeugenschaft“. Sie stehen also im Vordergrund. Aber nachvollziehbarerweise kann ein Gespräch, was sich nicht auf ein „Verhör“ oder eine „Befragung“ beläuft, nur dann zustande kommen, wenn sich beide daran beteiligen.

Manchem Leser und mancher Leserin wird vielleicht aufgefallen sein, dass jene geschichtliche Phase eine besondere Rolle für uns zu spielen scheint, die man gemeinhin mit der „68er“-Bewegung in Verbindung bringt. Und das wirft vielleicht auch die berechtigte Frage auf, woher eigentlich unser besonderes Interesse daran kommt. Hier kann ich gewiss nur in den wenigsten Dingen für uns beide sprechen, aber in manchen Hinsichten eben doch. Ein starkes gemeinsames Interesse an jener Epoche, den Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die auf vielfältige Weise in der „Bewegung“ aktiv waren oder für die sie biografisch bedeutungsvoll wurde, rührt wohl von unseren eigenen akademischen Hintergründen her. Am Alter selbst liegt es in unserem Falle kaum mehr. Wir wurden in den mittleren Siebziger- und Achtzigerjahren geboren, stammen also aus zwei Generationen, die man ihrerseits noch nicht einmal mehr sinnvoll „Post-68er-Generation“ nennen könnte. Aber als Soziologe und Erziehungswissenschaftler hatten wir von jeher, und zwar in der Regel bereits vor Aufnahme unseres jeweiligen Studiums, ein besonderes Interesse an solchen Theorien, die entweder für die „antiautoritäre Bewegung“ der Sechzigerjahre von großer Bedeutung waren, oder die in den Siebzigerjahren zumeist von solchen (wiederum in den 1920er- und 1930er-Jahren geborenen) Philosophen und Soziologen entwickelt wurden, für die ihrerseits die Ereignisse von „Achtundsechzig“ wichtige Einflüsse darstellten. Nebenher gesagt, stellte diese gemeinsame theoretische Affinität auch einen wichtigen Anlass für uns dar, um überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen. Beide teilen wir auch die Überzeugung, dass jene Epoche – also „Achtundsechzig“ – einen gravierenden, wenn nicht sogar den entscheidenden Schritt bedeutete, den die bundesdeutsche Gesellschaft in der Nachkriegsgeschichte hin zu jener liberalen Demokratie zu machen hatte, die uns heute in vielerlei Hinsicht selbstverständlich erscheint.

Dass „Achtundsechzig“ allerdings mit einer solchen Deutlichkeit das gegenwärtige Themenprofil unseres Unternehmens prägt, geht – ganz unabhängig von diesen eher wissenschaftstheoretischen und –geschichtlichen Präferenzen, die wir teilen – dann vielleicht doch eher auf eine bestimmte Tätigkeit von mir zurück, der ich in den Jahren vor der Unternehmensgründung nachging. Über mehrere Jahre verbrachte ich nämlich viel Zeit mit der Arbeit an einer Biografie – genauer gesagt mit einem Buch über den Pädagogen Klaus Mollenhauer (1928-1998), an dem ich fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Es handelte sich einerseits um die Biografie eines Mannes aus der sog. „Flakhelfergeneration“, andererseits aber auch um die eines Hochschullehrers, dessen theoretische und bildungspolitische Beiträge besonders in den mittleren 1960er-Jahren wichtige Impulse bei der Liberalisierung der westdeutschen Erziehungsverhältnisse und des Bildungswesens setzten; Feldern also, die besonders auch in das Interesse der Studentenbewegung geraten waren. Klaus Mollenhauer stand der Studentenbewegung sehr offen, sogar mit großer Sympathie gegenüber – und zeitweise war diese Sympathie mehr als damals (bei einem Mann seiner Generation) üblich, sogar auf Wechselseitigkeit hin angelegt. In jenen Jahren hatte ich die große Freude, einige ehemalige Protagonisten und Protagonistinnen aus der Studentenbewegung kennen zu lernen und mit ihnen ausführlich über die Jahre 1967-1971 sprechen zu dürfen; die Jahre also, in denen Mollenhauer für die Studentenbewegung und im Umfeld der „antiautoritären Kinderläden“, aber auch in der „Heimkampagne“ eine gewisse Bedeutung erlangte. Welchen Umbruch – und dies eben durchaus im Sinne eines ganz notwendigen Demokratisierungsschubs – „Achtundsechzig“ besonders im Bereich der Erziehung bedeutete, wurde mir damals in zahlreichen Gesprächen plastischer, detailreicher und auch eindrücklicher vor Augen geführt, als ich es aus den entsprechenden Monografien kannte. Solche Themen aber sind nicht mit einem Buch abschließend zu behandeln. Diese auch für unsere gegenwärtige Gesellschaft so bedeutungsvollen Innovationen, ihre Vorgeschichte und –geschichte, die damit verbundenen Lebensläufe und Biografien, stellen eine so umfassende Themenlage dar, dass das Gespräch und der Austausch darüber schlichtweg nicht abreißen sollten; im Gegenteil müssen wir sie, denke ich mir, so lange fortsetzen, wie es nur geht. Kein Zweifel besteht indes daran: dass „Achtundsechzig“ zu einer ungemein wichtigen Kategorie des kollektiven Gedächtnisses geworden ist.

 

Alex Aßmann