Memoire Projects

Was heißt „gemeinnützig“?

Dass wir uns mit biografischen und historischen Stoffen beschäftigen, ist die eine Seite unseres Unternehmens. Die andere besteht freilich darin, dass wir uns auch als Leiter dieses Unternehmens begreifen und entsprechend handeln müssen. Genauer gesagt, haben wir uns, wenn man es etwas technischer formuliert, als Leiter eines gemeinnützigen Unternehmens im Bereich der „digitalen Bildungsmedienproduktion“ zu bewähren; in einem nicht sehr klar definierten Feld mithin. Das natürlich kann, wenn man es gewissenhaft tun will, für einen gesteigerten Orientierungsbedarf sorgen. Und die entsprechenden Orientierungshilfen wären zunächst rechtlicher bzw. gesetzlicher Art („Steuerbegünstigte Zwecke gemäß der Abgabenordnung, §§ 51-68 AO“). Zur Definition seines Unternehmens und auch zur Selbstdefinition als Unternehmer gelangt man indes nicht nur, indem man sich auf die entsprechenden Gesetze stützt; in unserem Falle erscheint auch das, was wir mit unserem Unternehmen produzieren und (auch noch umsonst) verbreiten wollen, biografisches Wissen nämlich, zu „naturwüchsig“, um unternehmerische Ansatzpunkte zu finden. Und drittens hat man es, so man sich dazu entschließt, ein gemeinnütziges Unternehmen zu gründen und zu leiten, unweigerlich mit einer strukturellen Paradoxie dieses Wirtschaftssegments zu tun. Denn gemeinnützige Unternehmen sind notwendigerweise recht sperrige Hybriden, weil „Gemeinnützigkeit“ zunächst einmal impliziert: „Verzicht auf ökonomische Tätigkeitsmotivation“. Aber ein „Unternehmen“ ist eine Organisation, die hauptsächlich ökonomische Funktionen übernimmt. Fügt man also beides zusammen, dann kommt – wie man rasch denken könnte – dabei im Grunde ein Motor heraus, dessen zentrale Funktion es ist zu bremsen, anstatt zu beschleunigen.

Kurz gefasst: Der Einwand, dass die Begründung und Leitung eines gemeinnützigen Unternehmens eben aus unternehmerischer Sicht eher als mäßig vernünftig denn als besonders brillanter Schachzug einzustufen wäre, steht – vielleicht nicht zu Unrecht – recht schnell im Raum, wenn man sich mit anderen Unternehmerinnen und Unternehmern unterhält. Und tatsächlich ist ja auch dieses Bild, das sich hier als Vergleich anbietet – sich also einen Motor ans Bein zu binden, der nicht beschleunigt, sondern bremst –, nicht ganz falsch. Aber auch nicht ganz richtig, denn Energie erzeugt selbst dieses hybride Gebilde ja trotzdem. Es kommt also darauf an, sie nicht in die falschen Zylinder oder durch die falschen Ventile entweichen zu lassen – und auch darauf, von einem gemeinnützigen Unternehmen nicht dasselbe zu erwarten, wie von einem gewinnorientierten Unternehmen. Dann kann es einem tatsächlich vorzügliche Dienste erweisen, um seine Ideen umzusetzen.

Nichtsdestoweniger kann man diese Paradoxie, die das „gemeinnützige Unternehmen“ immer mit sich führt – also unternehmerisch handeln zu müssen, ohne dabei das tun zu dürfen, worauf Unternehmertum grundsätzlich hinzielt: nämlich Geld zu verdienen –, nicht hinter sich lassen. Viel mehr kann sie einen auch zur Kreativität nötigen. Und nach und nach zwingt sie einen auch dazu, z. B. in Gesprächen mit Medienförderanstalten oder Wirtschaftsministerien andere Strategien zu verfolgen – bisweilen geht es sogar darum, alternative Strategien gemeinsam zu entwickeln –, als das bei gewinnorientierten Unternehmen der Fall ist. Man kann also sagen: Vorausgesetzt, die Idee, um die es dem Unternehmen geht, ist gut und wichtig, erklären sich auch anderweitig explizit wirtschaftsorientierte Institutionen bisweilen dazu bereit, einen Schritt in unsere Richtung zu tun und gegebenenfalls selbst ein wenig dazu zu lernen. Und auch wir entwickeln nach und nach einen Sinn dafür, welche Spielräume es hier gibt; wir sammeln Erfahrung und Wissen in und über ein noch nicht sehr weit entwickeltes Feld, nämlich das der „gemeinnützigen Medienproduktion“, in das wir hier – in diesem Blog – ein wenig Einblick geben möchten.

Als wir letztes Jahr unser Unternehmen gründeten, war – das müssen wir offen zugeben – Geschäftsführung nichts, mit dem sich jemand von uns schon einmal besonders leidenschaftlich auseinandergesetzt hätte. Um ehrlich zu sein, war sogar das Gegenteil der Fall. Mit Themen, die im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften liegen, hatten wir von jeher viel zu tun; mit Unternehmensplanung hingegen nichts, weil wir um solcherlei immer einen weiten Bogen gemacht hatten. Wenn wir es uns heute zu erklären versuchen, wie wir die letzten sechs Monate nicht nur überlebt haben, sondern sogar den einen oder anderen Erfolg in dieser Zeit verzeichnen konnten, dann geht – um ehrlich zu sein –dem voran sogar die Frage, wie wir als im Grunde gänzlich „unökonomische“ Personen das überhaupt nervlich aushalten konnten. Vielleicht hängt es auch mit unserem Hauptinteresse zusammen, nämlich Biografien von Menschen als Wissensgut zu etablieren und zugänglich zu machen, dass wir eine gewisse Neigung, wenn nicht sogar Sympathie für Widersprüchlichkeiten, Unfertiges, Provisorisches und noch nicht zu Ende Gedachtes haben – allesamt Aspekte, die in nichts so sehr zum Tragen kommen wie in menschlichen Biografien –, und dass es uns dies erleichtert, in einer solch sperrigen Form wie der gGmbH ein immer interessanter erscheinendes Gebilde zu erkennen, mit dem sich durchaus arbeiten lässt. Vielleicht bringen wir auch – im Unterschied zu anderen „Jungunternehmern“ (dabei sind wir ja gar nicht mehr so jung) – etwas mehr Humor und Ironie mit ins Spiel, wofür üblicherweise die Ernsthaftigkeit des Geldverdienens nicht viele Verwendungsmöglichkeiten hat. Ich weiß es nicht. Jedenfalls erscheint uns das Thema als interessant genug, um hier, im Blog, unsere Erfahrungen mit dem „gemeinnützigen Unternehmertum“ in kleineren Texte zu verarbeiten. Diese finden sich, sobald wir die entsprechenden Blogfunktionen eingerichtet haben, dann unter der „Gemeinnützigkeit“. Weitere Kategorien, zu denen wir bloggen werden, sollen lauten: „Biografie“, „Zeitgeschichte“ und „Neuigkeiten“.

Alex Aßmann