Memoire Projects

Rückblick auf unseren Workshop am 02. Dezember im Café Cohrs, Mannheim

Wir hatten am 02. Dezember die große Freude, im Café Cohrs in Mannheim eine Abendveranstaltung über biografisches Schreiben und die Narrative, die Biografien erzeugen, sowie auch über unsere Vorstellungen von digitaler Biografik auszurichten. Nebenbei hatten wir somit auch erstmals die Möglichkeit, uns als Unternehmen mit dem entsprechenden Schwerpunkt zu präsentieren und vielleicht auch ein bisschen verständlich zu machen, weswegen das, was wir biografisches Wissen nennen, nicht nebenher und gleichsam privat so leicht zu generieren ist, sondern es hierfür – schließlich ist es auch eine kostenintensive Arbeit, die damit verbunden ist – klar geordneter Betriebsstrukturen bedarf.

In meinem Vortrag ging ich zunächst von einer Unterscheidung aus, die wir im Alltag üblicherweise nicht zu machen genötigt sind und wir von daher, wenn wir miteinander reden, auch dazu neigen, diese Wörter als Synonyme zu gebrauchen. Gemeint ist die Unterscheidung von Lebenslauf und Biografie. Und einige Ausführungen des Soziologen Alois Hahn eigneten sich in diesem Teil des Vortrags dazu, auf einen prägnanten Unterschied zwischen den Kategorien hinzuweisen: dass ein Lebenslauf im soziologischen Sinne zumindest einen klaren Anfangspunkt hat – nämlich die Geburt –, während die Biografie, so Hahn, „einen weitaus größeren Zeitraum umfassen, die Zukunft und die Vergangenheit weit über die eigene Lebenszeit hinaus einschließen“ kann. Die Biografie stellt sich somit nicht nur als Erzählung eines Lebenslaufs dar. Sondern auch, weil sie den Lebenslauf in ein historisches Kontinuum einbettet, eben als Geschichtserzählung dar.

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In der Regel werden über die meisten Menschen, so lange sie leben, viele Biografien angelegt; entweder tun sie das selbst, oder Dritte tun es über sie – sei es in Form „Lebensläufen“, wie man sie für Bewerbungsverfahren anfertigt, oder sei es in Form der Erzählungen, die es über eine Person in desto größerer Anzahl gibt, je länger sie lebt –, und hiervon ausgehend kam ich auf die Quellen zu sprechen, auf die sich biografische Erzählungen beziehen. Aber auch darauf, wie sich, wenn man mit solchen Quellen arbeitet, nach und nach das Portrait einer Person zeichnen lässt. Wie das für alle Formen des Portraits zutrifft, geben auch biografische Portraits nie die entsprechende Person so wieder, „wie sie war“, sondern allenfalls entwerfen sie eine vielleicht etwas reflektiertere Perspektive auf eine Person in ihrer Zeit. Anhand meiner Biografie Klaus Mollenhauers und indem ich manche der Quellen zeigte, mit denen ich darin arbeitete, wollte ich aber auch daran aufzeigen, wie Einzelbiografien etwas zur Darstellung bringen können, das sich üblicherweise der Wahrnehmung von Menschen entzieht: so zum Beispiel, wie sie in einen Generationszusammenhang einrücken, oder auch, wie Teile ihrer Biografie bereits im Verlaufe ihres Lebens historisch werden.

Was mich und auch unser Unternehmen besonders interessiere – und darauf kamen wir an diesem netten, von mitunter interessanten Diskussionen gespickten Abend zuletzt zu sprechen – seien die Möglichkeiten, die sich insbesondere in der digitalen Welt, und zwar dank ihrer enormen Speicherkapazitäten, aber auch dank der einfachen Visualisierungsmöglichkeiten im Bereich des biografischen Erzählens ergäben. Eigentlich würden jetzt erstmals Möglichkeiten erschaffen, um biografische Narrative zu generieren, die im breiten kollektiven Maßstab angelegt sind und eine Überprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Quellen erlaubten, wie es bislang eher auf der Ebene der Einzelbiografie gewährleistet war. Digitale biografische Archive, deren zentrales Quellenmaterial das narrative Filminterview sei, ermöglichten es sowohl – so lautete unsere These –, Prozesse der Generationsbildung sichtbar zu machen, indem sich beispielsweise nachvollziehen lässt, wie zwischen den Geburtsjahrgängen sich nach und nach die Sprache verändert, in der Menschen ihre Alltagsprobleme beschreiben, aber auch sich beobachten lässt, wie hier neue Themen entstehen und langsam alte verschwinden. Aber gleichzeitig gestatteten sie es, die Erzählung auf individueller Ebene nachzuvollziehen. Man kann beides zugleich sichtbar machen – und das gleichsam hochaufgelöst –, die überindividuelle Perspektive, in der Erzählungen historisch vergleichbar werden, und die individuelle, in der sich das subjektiv Besondere artikuliert. In Buchform, war unsere These, sei dies im Falle von Kollektivbiografien schlichtweg unmöglich. In der digitalen Welt werde es indessen visuell möglich – und damit auch neue Formen der biografischen Erzählung.

Neben den inhaltlichen Diskussionen kommen bei solchen Veranstaltungen oftmals gute, neue Ideen auf, so z. B., eine Veranstaltungsreihe mit biografisch-zeitgeschichtlichen Themen zu etablieren. Mal schauen, was daraus wird. Uns würde es naturgemäß freuen. Aber vorerst danken wir Daniela Cohrs ganz herzlich dafür, dass sie uns ihre (nicht nur) für solche Veranstaltungen allerbestens geeigneten Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat. Wir würden es uns sehr wünschen, dass sich ähnliches bei ihr etablieren würde – was gewiss auch einen Zugewinn für das Mannheimer Kulturleben bedeuten könnte.

Alex Aßmann