Memoire Projects

Der 2. Juni 1967

Erinnerungen an eine biografische Zäsur

BArch, B 145 Bild-00099300 / Klau Schütz

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Zum historischen Hintergrund

Am 2. Juni 1967 sollte der Staatsbesuch von Schah Reza Pahlavi von Persien in West-Berlin feierlich beschlossen werden. Vor dem Schöneberger Rathaus, wo die eskortierte Verabschiedung „eines vom Westen alimentierten Tyrannen der ‚Dritten Welt’“ begann, „der sein Land ausbeutete und die Bevölkerung blutig unterdrückte“, wie es in Ulrich Herberts Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert heißt, hatten sich bereits protestierende Studentinnen und Studenten sowie Bürgerinnen und Bürger West-Berlins versammelt. Schließlich kam es aber vor der Deutschen Oper zur Eskalation. Zuerst gingen Schah-Claqueure, darunter auch Mitglieder des iranischen Geheimdienstes, mit Holzlatten und Totschlägern auf die demonstrierenden Menschen los. Und dann, anstatt die West-Berliner Bürger und Bürgerinnen zu schützen, reihte sich auch noch die deutsche Polizei darunter. Als auch sie mit Schlagstöcken auf die Demonstranten einzuschlagen begannen – schon in den ersten Minuten des Gewaltexzesses wurden zahlreiche Fotos und Filmaufnahmen von blutüberströmten Studenten gemacht –, kippte alles um in einen Polizeigewaltexzess von bis dahin in der Bundesrepublik nicht bekanntem Ausmaß. Am Rande der Krawalle erschoss gegen 20.30 Uhr der Polizist Karl Heinz Kurras den 26-jährigen Studenten Benno Ohnesorg. Ohnesorg war nicht nur unbewaffnet, sondern kauerte wehrlos am Boden, um sich vor den Schlägen der Polizisten zu schützen. Kurras trat hinzu, zückte die Waffe und schoss Ohnesorg aus kurzer Entfernung in den Kopf. Karl Heinz Kurras’ Vorgesetzter stand ebenfalls dabei.

Systematische Vertuschungen des Tathergangs und Vernichtung von Beweismitteln trugen dazu bei, dass Kurras nicht strafrechtlich belangt wurde, während zugleich der immense Ermittlungsdruck gegen protestierende Studenten zu zahlreichen Verhaftungen führte.

Das historische Datum

Als historisches Datum bezeichnet der 2. Juni 1967 Mehreres: Für die Protestbewegung stellte dieser Tag insofern einen Wendepunkt dar, als sie von nun an das gesamte Bundesgebiet erfasste. Gleichzeitig ist mit dem 2. Juni der Kollektiveindruck verbunden, dass von der Polizei grundlos attackiert, wenn nicht sogar erschossen zu werden vor Gericht folgenlos bleiben wird. Insofern wurde dieser Tag auch zum „generationsstiftenden Ereignis“, während er zugleich den Moment markiert, „als in die bis dahin ja sehr zivilen Proteste das Element der Gewalt hinzutrat, das die innenpolitischen Auseinandersetzungen von nun an für mehr als zehn Jahre begleiten sollte.“ (Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, S. 857) Gruppierungen wie die RAF oder die „Bewegung 2. Juni“, die zwei stärksten Kräfte des deutschen Linksterrorismus, legitimierten ihre Militanz mitunter durch die Ereignisse des 2. Juni 1967.

Das Zeitzeugen-Gespräch

Der Filmemacher und Autor Gerd Conradt, die Journalistin und Fotografin Astrid Proll, der Autor und Weltfriedensdienstmitarbeiter Lutz Taufer sowie der Autor und Journalist Anselm Weidner waren damals zwischen Anfang und Mitte zwanzig. Sie lebten an unterschiedlichen Orten, kannten sich nicht und hatten jeweils verschiedenes mit ihren Leben vor. Aber nach dem 2. Juni 1967 hatten sie sich zu ähnlichen Themen zu positionieren, Entscheidungen, die mitunter das jeweils eigene Leben betreffen würden, nach vergleichbaren Kriterien zu treffen. In einem öffentlichen Gespräch, das wir in Zusammenarbeit mit Zeitraumexit in Mannheim ausrichten, werden wir am 08. April 2017 mit Herrn Conradt, Frau Proll, Herrn Taufer und Herrn Weidner über Kindheit und Jugend in den 1950er- und 1960er-Jahren, über die APO und auch darüber sprechen, was der Einschnitt des 2. Juni vor diesen Hintergründen bedeutete. Eine kurze Einführung zur historischen Bedeutung des 2. Juni 1967 gibt uns Prof. Dr. Heidrun Kämper vom Mannheimer IDS. Die Veranstaltung wird vollständig aufgezeichnet, digital publiziert und archiviert. Die Aufnahme wird anschließend in einer mit weiteren Daten und historischen Kontexten angereicherten Webdokumentation frei verfügbar sein.