Memoire Projects

Kampffeld „kulturelles Erbe“ – Anmerkungen zum Berliner Appell und zur Hamburger Note

Der Berliner Appell, ausgegeben auch auf der diesjährigen Konferenz „Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“ – der Austragungsort war der Hamburger Bahnhof in Berlin –, beginnt mit den Worten: Unsere Gesellschaft ist seit langem von dem Konsens bestimmt, dass Wissen und Kultur zu erhalten sind. Und die Hamburger Note, dort ebenfalls ausgegeben, gibt zu bedenken, dass eine bedenkliche Verzerrung unseres Geschichtsbildes drohe, wenn rechtliche Rahmenbedingungen nicht baldigst weiterentwickelt würden, um eine digitale Nutzung des kulturellen Erbes zu gewährleisten. Der Vollständigkeit halber sollte man eigentlich hinzufügen: Unsere liberalen Demokratien machen diesen Konsens, auf den sich der Berliner Appell stützt, nicht nur geltend, sondern sehen ihn auch gefährdet und zeigen sich überdies dazu bereit, ihn zu verteidigen! Und während auf der Konferenz vorrangig urheberrechtliche Fragen und Probleme diskutiert wurden, hat das „kulturelle Erbe“ längst sogar eine völkerrechtliche Dimension hinzugewonnen.

Das wurde spätestens im September 2015 deutlich, als Ahmad Al Mahdi an den Internationalen Gerichtshof (ICC) nach Den Haag überstellt wurde. Al Mahdi, ein vor Gericht geständiger ehemaliger Lehrer, beteiligte sich als Leiter der sog. „Moralpolizei“ von Timbuktu an der Zerstörung und Verwüstung von insgesamt zehn Gebäuden in Mali. Nicht nur spielte er, so die Anklage, bei der Planung und Vorbereitung der Zerstörung kulturellen Erbes eine zentrale Rolle. Zudem habe er sich auch aktiv daran beteiligt, indem er mit Spitzhacke, Schaufel, Hammer und Axt die Gemäuer von mitunter Jahrtausende alten Mausoleen und einer Moschee malträtierte und zerstörte. Mit der Eröffnung von Al Mahdis Prozess vor dem Den Haager Gerichtshof wurde erstmals die Zerstörung kulturellen Erbes als Kriegsverbrechen behandelt, so ähnlich also, wie es in der Vergangenheit vor dem ICC wegen „versuchten Völkermords“ u. ä. schon der Fall gewesen ist. Wie Fatou Bensouda, Chefanklägerin am ICC, betonte, gehe es hier nicht lediglich „um Steine und Mauern“, sondern um „Gebäude, die sowohl historisch und religiös bedeutend sind und darüber hinaus die Identität eines Volkes bestimmen. Es geht um Verbrechen mit dem Ziel, die Wurzeln eines Volkes zu vernichten und mit ihnen soziale Strukturen und Gebräuche.“ Das ist eine deutliche Sprache, und sie markiert eine Zäsur, hinter die „unsere Gesellschaft“ vermutlich nicht so schnell mehr zurücktreten wird.

Geht man also lediglich von „einem Konsens“ aus, der sich in Bezug auf das kulturelle Erbe und seine Schutzwürdigkeit in „unserer Gesellschaft“ etabliert habe, so ist das sehr zurückhaltend formuliert. Der Fall Ahmad Al Mahdis, eines Kriegsverbrechers, scheint viel mehr für die Annahme zu sprechen, dass, wo „Volk“ und „Nation“ bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein die aggressivsten Kriegsideologeme waren,  sich nun auch die Kategorien „Identität“ und „kulturelle Herkunft“ dazu gesellen könnten. Sollte das der Fall sein, dann wäre es zutiefst töricht davon auszugehen, es bewege sich auf normativ neutralem Feld, wer sich mit dem kulturellen Erbe in der einen oder anderen Weise beschäftigt; mitunter auch professionell. Im Gegenteil bewegt sich jede Institution, jeder kleinere oder größere Träger, der sich der Digitalisierung des kulturellen Erbes widmet und hierfür öffentliche Mittel haben möchte, in einem hochgradig aufgeladenen und politisch umkämpften Terrain. Darin Neutralität zu wahren, dürfte sich als das weitaus schwierigere Unterfangen herausstellen als an Fördermittel zu kommen. Man sollte nicht vergessen: Wenn heute mit Artillerie, Spitzhacke, Schaufel, Hammer und Axt Kriegserklärungen abgegeben werden, und zwar mitunter in der Form der Zerstörung kulturellen Erbes, dann reagieren unsere modernen Institutionen so effizient, wie sie nur können: mit Gerichtsprozessen, die den neuen globalen Konfliktformen angemessen erscheinen. Und in Berlin diskutiert man die meiste Zeit über Finanzierungspolitik und Urheberrechtsfragen, während andernorts die völkerrechtliche Dimension des kulturellen Erbes längst in den Vordergrund gerückt ist.

Doch muss man nicht erst nach Den Haag schauen, um sich die politische Brisanz zu vergegenwärtigen. Ob es sich dabei um rechtsradikale „identitäre Bewegungen“ handelt, die jenen Begriff – „Identität“ also – ja schon als Emblem mit sich führen, oder ob es sich um einen religiösen Fanatismus und Extremismus handelt, der global wuchert: Es wird daran deutlich, dass auch die innergesellschaftliche Radikalisierung, die sich nirgends mehr ignorieren lässt und sich vermutlich auch nicht von selbst auflösen wird, zugleich mit der Konstruktion „kultureller Identitäten“ einhergeht; und damit die Bereitschaft längst entstanden ist, diese „Identitäten“ gegebenenfalls auch militant gegen die jeweiligen staatlichen Ordnungen durchzusetzen. Die Verzerrung des Geschichtsbildes ist mithin keine abstrakte Bedrohung mehr, wie es die Hamburger Note zurückhaltend konstatiert, sondern aufgrund konstruierter Geschichtsbilder wird schon jetzt aktiv das politische Gefüge verzerrt und die bestehende, demokratische Ordnung im Namen solcher Geschichts- und Identitätskonstruktionen unter Druck zu setzen versucht. Um es deutlich zu sagen: „Kultur“, „Identität“ und „Geschichte“ sind heute wie nur selten zuvor zu politisch hochgradig aufgeladenen und gesellschaftlich massiv wirksamen Konzepten avanciert. Fragen des „kulturellen Erbes“ und der historischen Identitätskonstruktionen durchdringen längst alle Bereiche der Politik – und wirken bis in den Alltag hinein. In Gesprächen, die zwischen Politik, Institutionen und den im Bereich des „kulturellen Erbes“ tätigen Professionellen fürderhin stattfinden werden, sollte besser früher als später die politische Brisanz dieser Diskussionen expliziert werden.

Natürlich ist dem Berliner Appell zuzustimmen, wenn es darin beispielsweise heißt, dass „dringender Handlungsbedarf bei der Archivierung“ bestehe, „da digitale Inhalte und Informationen sonst unwiederbringlich verloren sind“. Oder dass es „gezielter Ausbildungs- und Forschungsschwerpunkt[e] an Universitäten und Fachhochschulen“ bedarf, und die digitale Langzeitarchivierung „auch Eingang in die Curricula von anderen Disziplinen finden“ müsse. Doch all diese Forderungen, so richtig sie sind, scheinen zwanzig Zentimeter oberhalb einer Krise der Demokratie zu schweben, die sich auch in geschichts-, erinnerungs- und wissenspolitischen Diskursen zu erkennen gibt. „Nachhaltigkeit in der digitalen Welt erfordert eine breite öffentliche Diskussion und starke politische Wahrnehmung“, auch das stimmt natürlich. Nur wie sieht es mit der Diskussion und politischen Wahrnehmung innerhalb jener Communities aus, die eine professionelle Zuständigkeit für die Digitalisierung des kulturellen Erbes erklärt haben? „Digitale Langzeitarchivierung sichert und stärkt das Demokratie- und Transparenzversprechen des digitalen Kulturerbes“, gewiss; doch ist die Diskussion um die digitale Langzeitarchivierung selbst schon Teil eines umkämpften Demokratiediskurses geworden, sodass sie diese Funktion nicht mehr externalisieren kann. Es muss zuvörderst diskutiert werden, wie das Demokratie- und Transparenzversprechen durch die Träger im Bereich des digitalen Kulturerbes eingelöst und verteidigt werden kann. Diese Debatte muss forciert werden, und das bald.

 

Alex Aßmann & Mathias Freymuth

(Memoire Projects)