Memoire Projects

Jahr Eins – Eine kleine Rückschau

Ein typisches Phänomen der Erinnerung betrifft nun schon uns und unser noch junges Unternehmen, das jetzt ziemlich genau ein Jahr alt ist. Von der Idee, die im Spätsommer des vergangenen Jahres aus der Taufe gehoben wurde, bis hierher sind wir jeden Tag viele kleine Entwicklungsschritte gegangen, die man im Vorwärtsgang kaum als die Verwandlung erkennt, der man sich doch unterzieht. Im Rückspiegel wirkt diese Entwicklung enorm – und ihr Ausgangspunkt scheint einer fernen Vergangenheit anzugehören, in die man nicht zurückkehren kann. Das Phänomen, das die Vergangenheit in ein anderes Licht taucht und sie umschreibt, ist verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen als „Curse of Knowledge“ bekannt. Es besagt (vereinfacht gesprochen), dass frühere Wissensstände nicht wie Datensätze geladen werden können, um noch einmal neu bei ihnen anzusetzen, bis alles reibungslos funktioniert; was wir heute anders machen würden, wissen wir dadurch, dass wir es seinerzeit eben nicht wussten.

Die Gründung einer gemeinnützigen Produktionsfirma für Bildungsmedien entpuppte sich so zuerst als ein ziemlich ambitioniertes autodidaktisches Unternehmen. Wir mussten „unsere“ Branche erst kennenlernen. Wir mussten verstehen lernen, auf welchem Wege digitale Medien produziert und distribuiert werden; wir mussten uns im Feld der Kultur- und Kreativwirtschaft orientieren und wir hatten nach und nach zu begreifen, welche besonderen Hürden im Bereich der Gemeinnützigkeit zu nehmen waren. Was Alex Aßmann an anderer Stelle bereits als einen „Motor, der bremst“ beschrieben hat, war – anfangs unwillkürlich – das Konstrukt, das wir ersonnen und auch zu bewerben begonnen hatten.

Es gibt noch eine weitere Paradoxie, die sich im Zuge einer solchen Gründung auftut und die die Seite unserer gesellschaftlichen Umwelt betrifft. Im Prinzip gehören wir als junges Medienunternehmen der Kreativwirtschaft an, die als Wachstumsbranche intensiv gefördert und auf beinahe allen Staatsebenen als Zukunftsbranche angesehen wird. Als gemeinnützige Körperschaft – und durch die Wahl unseres Stoffs, Biografie und Zeitgeschichte – fallen wir eher in den Zuständigkeitsbereich der Kulturförderung, die wesentlich über kommunale Kulturämter oder entsprechende Stiftungen der Kultur-, Kunst- oder Medienförderung, viel seltener schon über die Zuschüsse aus Landesmitteln operiert.

Die naheliegende erste und wichtigste Aufgabe, die sich bei der Gründung eines Unternehmens stellt, lautet natürlich: Anschubfinanzierung besorgen. Weil wir gemeinnützig sind (treffend der englische Ausdruck: non-profit), schieden dann in vielen Fällen Mittel der Wirtschaftsförderung aus, denn diese Stellen und Ämter arbeiten eben kommerziell und wachstumsorientiert. Ebenso verhielt es sich, vielleicht erwartbar, mit Darlehen und Krediten von Banken. Wiederholt scheiterten dann bereits angebahnte Verhandlungen daran, dass wir weder Liquiditätspläne noch Rentabilitätsvorschauen oder Visionen zur Beschäftigtenzahl unseres Unternehmens in fünf Jahren vorlegen würden; der Plan besteht schlicht darin, kostendeckend Projekte zu realisieren (wenngleich wir davon auch leben möchten). Auf dieselbe Weise führen viele andere gemeinnützige Vereine und Gesellschaften ihren eigenen Existenzkampf. Wir konnten es mit privaten Zuwendungen stemmen.

Die Kulturförderung verhält sich zu diesem speziellen Problem komplementär: Zwar ist die Kostendeckung klar definierter und zeitlich begrenzter Projekte ihr Metier, nicht aber die Unterstützung von Unternehmensgründungen. Dafür ist die Wirtschaftsförderung zuständig. Kultur wird vornehmlich in Form von Veranstaltungen, Events oder Ausstellungen gefördert. Die in diesem Feld tätigen Stiftungen sehen sich mit eigenen rechtlichen Tücken und Kuriositäten konfrontiert: So ist es manchen Trägern praktisch nicht möglich, wenigstens Sachmittel, Arbeitsmaterialien oder die Anschaffung entsprechender technischer Geräte zu finanzieren, denn dann obläge ihnen, für jeden Laptop oder Beamer zu prüfen, ob dieser Zeit seiner „Lebensdauer“ auch in der Tat zu gemeinnützigen Zwecken eingesetzt werde.

Was wir anstreben, ruft also solche und andere Schwierigkeiten hervor, für die wir tatsächlich nach kreativen, innovativen Lösungen suchen müssen, und worin ein nicht geringer Teil unserer alltäglichen Arbeit besteht, ein Teil des Wissens auch, das wir generieren. Durch das, was wir bei der Gründung unseres Unternehmens nicht wussten oder wissen konnten, haben wir uns damit eine Aufgabe selbst gestellt, die von Seiten eines Wirtschaftsberaters zu Beginn des Jahres noch als „exotisch“ eingestuft wurde. Ihn betraf der „Curse of Knowledge“ ebenfalls: aus der Perspektive eines Wirtschaftsveteranen sah er uns einen unwirtschaftlichen Weg einschlagen, den er nicht empfehlen konnte, wiewohl er uns gleichsam für sympathische Überzeugungstäter hielt, für die es sehr wohl nach Alternativen zu suchen gelte. Doch auch das besagt das Theorem vom Fluch des Wissens: die Wissenden wissen es nicht unbedingt besser. Im Verlaufe dieses ersten Jahres sind wir dann auch mit Menschen in Kontakt gekommen, die uns unbedingt ermutigt haben, gerade dieser Vision treu zu bleiben. Alles, außer dieser Grundidee, sei erlernbar. Dem hatte selbst der Wirtschaftsberater nicht widersprochen.

Unsere vermeintliche ökonomische Unbedarftheit erscheint uns so mittlerweile nicht mehr allein als ein strukturelles Problem, sondern als ein Projekt sui generis, in dem wir versuchen, auch so etwas wie Pionierarbeit zu leisten.

 

 

Mathias Freymuth