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Museumsarbeit im Zeichen der Digitalisierung

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Die neue Medialität von Objekten – Strukturwandel kultureller Bildung

Mit einer gewissen Verzögerung erfassen die Auswirkungen der Digitalisierung seit einiger Zeit auch verstärkt die Strukturen der sogenannten Gedächtnisinstitutionen. Bei dieser Verzögerung handelt es sich indessen kaum um eine Karenzzeit. Vielmehr läuft der Diskurs um die Digitalisierung mit dem kumulierten Gewicht all jener Gegenwartsprobleme auf den Kultursektor auf, mit denen er in der Zwischenzeit verknüpft worden ist. Entsprechend vielfältig fallen die Erwartungen aus, die seither an Kulturinstitutionen gerichtet werden. Zentral ist dabei der Aspekt, insbesondere Museen (aber auch Bibliotheken und Archive) als engagierte sozial- und kulturpolitische Akteure in die Pflicht zu nehmen. Ihre gesellschaftliche Funktion wandelt sich von Speichern, Aufbewahrungsorten und klassischen Forschungseinrichtungen hin zu öffentlichen Bildungsstätten, denen zugleich obliegt, einen nicht unerheblichen Teil der Verantwortung für den Erhalt und die Stabilisierung demokratischer Strukturen, Werte und Kultur zu tragen. In den Kultureinrichtungen sollen maßgebliche Leistungen der Teilhabe und Partizipation, der Inklusion und schließlich der öffentlichen – kulturellen und politischen – Bildung umgesetzt werden.

All diese Problemfelder sind nicht zuletzt durch die digitale Transformation eröffnet worden; sie haben sich inzwischen mit Debatten um die Krise und Identität demokratischer Gesellschaften verbunden. Teilhabe und Partizipation werden vorerst schlagwortartig in technische Vorbedingungen von Kommunikationschancen gefasst: Es soll möglich sein, das alte Lehr-Schema vom Vortragenden und seinem Publikum so zu erweitern, dass dem Publikum eine aktivere Rolle eingeräumt werde und sich Interessierte auch untereinander verständigen können, ihre Rezeption differenzieren und koordinieren können, wenn möglich zudem: in Echtzeit. Die entsprechenden Begriffe für diese Kommunikationsstrukturen lauten „one-to-many“ für das klassische Schema des Expertenvortrags, „many-to-one“ für die Möglichkeit des feedbacks, eine aktive Rolle des Publikum also, und „many-to-many“ für einen zwar themen- oder impulsbezogenen, aber letztlich (ergebnis- und bewertungs-) offenen Austausch unter Rezipienten.

Aus diesen theoretischen Möglichkeiten – Kommunikationschancen – leitet sich vorerst der strategische Ansatz ab, den man auf Bundesebene zur Bedienung neuer Teilhabe-Ansprüche fährt: Man konzentriert sich vor allem auf den Ausbau der digitalen Infrastruktur, auf technische Grundlagen. Unter Digitalisierung versteht man somit zunächst einen vergleichsweise geradlinigen Vorgang: Es gilt, analoge Bildungsressourcen, die in den Depots und Magazinen renommierter Häuser lagern, digital zu erfassen, mit den zugehörigen Metadaten zu versehen und dann – hochzuladen! Man könnte dieses Unterfangen zunächst etwa auf die Formel bringen: museale Objekte in Bilddateien umwandeln (wie auch immer diese geartet sein mögen: fotografiert, gescannt, als 3D-Rekonstruktion oder Animation), währenddessen bestimmen, referenzieren und dann digital bereitstellen. Dann kann um diese Kulturgüter u. U. ein Diskurs entstehen, ferner neue Verwertungskonzepte und Geschäftsmodelle. Die Strukturen der Kulturvermittlung müssen also einerseits auf digitale Kanäle, andererseits auf eine, wenn man so will, „neue Bildungslogistik“ eingestellt werden. In Dateiform werden praktische sämtliche Kulturgüter weltweit und sekundenschnell lieferbar. Diese Vision und die Möglichkeiten, die sie verspricht, ein Ideal umfassender demokratischer Teilhabe und freien Wissens zu verwirklichen, wirkt im Kultursektor als maßgebliche Triebfeder der Digitalisierung.

In der Praxis erweist sich die Umsetzung dieses Vorhabens dann allerdings kaum mehr als ein geradliniges Projekt. Für das nämlich, was am Ende als ein unerschöpfliches Reservoir an Wissen entstehen soll, gibt es außer der Vision keine Referenzpunkte, keine Erfahrungswerte, keine Muster-Vorlagen – es sei denn, wiederum, technisch gewährleistete Kommunikationschancen, deren Fixstern das Ideal eben jener vollumfänglichen kommunikativ-diskursiven Teilhabe ist. Während die Übersetzung von Objekten, Dokumenten und Artefakten in online-fähige digitale Medien weit gediehen ist – was ungeheure Datenquantitäten belegen –, nehmen die Museen ihre Arbeit an der Vermittlung der Inhalte, die damit massenhaft kommunikabel geworden sind, inmitten dieser zugleich experimentellen und krisenhaften Bedingungen auf. Denn ein erster Effekt ist die weitreichende Preisgabe von fachlicher Autorität, Deutungshoheit und nicht zuletzt der „Prerogative“ der Kommerzialisierung. Museen müssen in der Folge ihre gesellschaftliche Funktion und ihre tradierten Arbeitsstrukturen komplett neu definieren.